Mittwoch, 20. März 2013

Land und Leute


 Nach einigen Wochen kann ich jetzt glaub mal einen Überblick über die Kenianer geben, am Anfang findet man sie halt nett, dann nach ner Weile regt man sich über sie auf und schließlich findet man sich ein, also man steht jetzt für mich…
Die Leute hier sind schon hilfsbereit und nett, finde ich. Und es gefällt mir ja auch echt gut. Aber manchmal ärgere ich mich. Auf der Straße ist man hier das weiße Schaf, es ist ja süß, wenn die Kinder im Singsang und wiederholt sagen „How are you? How are you?“ bis man sagt „fine, and you?“. Man merkt schon, die afrikanischen Kinder sind weitaus härter im Nehmen als europäische, die saugen eine gewisse Standfestigkeit schon mit der Muttermilch auf, aber ab und zu sieht man dann doch mal ein Kleines weinen und wenn ich dann vorbeilaufe und es mich sieht, dann tut auf einmal nichts mehr weh, hahaha, die stehen dann einfach mit verrotzter Nase da und schauen mich an. Oder wenn sie von der Ferne Mzungu rufen, manchmal sind das ganze Schulen im Pausenhof am Weg, dann winke ich und dann freuen die sich alle so, das fühlt sich an, als wenn man ein Promi wär und alles was man tun muss, ist lächeln und winken. Da freue ich mich dann auch und versuch auch ein bisschen sie auf Souaheli zu grüßen. Aber viele Erwachsene starren einen an wie wenn ich eine Mango mit Gesicht wäre, und hinter dem Rücken rufen sie dann auch Mzungu, nicht gerade respektvoll. Aber im Großen und Ganzen sind sie sehr kontaktfreudig. Die Männer auf der Straße nennen mich immer John Kamau, keine Ahnung, wer das sein soll.
In meinem Büro arbeiten zwei weitere Praktikanten aus Kenia und eine aus Tanzania, die Arbeitseinstellung hier ist etwas, das man erst mal akzeptieren muss, wenn man aus so einem arbeitsorientierten Land wie Deutschland kommt. Wenn ich zur Schule laufe zum Unterrichten, dann gehen sie schon immer mit, aber es ist eigentlich nur eine von ihnen, die tatsächlich auch unterrichtet, die anderen begnügen sich dann mit ihren Handys zur meisten Zeit.
No ed hudla

Zuverlässigkeit: Nach den Wahlen hörte man jeden Tag, die Ergebnisse kämen am darauffolgenden Tag raus, man kann sich nie so wirklich auf die meisten Aussagen verlassen. Andere Praktikanten meinten auch, sie hätten mal nach dem Weg gefragt und von verschiedenen Menschen total falsche Informationen bekommen. Aber da hab ich persönlich bessere Erfahrungen gemacht.
Bildung: Es wird mir hier das erste Mal richtig bewusst, welchen Stellenwert die Bildung im Leben hat. In einem mitteleuropäischen Land nimmt man das halt hin, aber es ist nicht schön, wieviele Kinder hier in den Slums den ganzen Tag einfach nur auf der Straße verbringen und keine Möglichkeit zum Lernen haben, da fängts oft schon bei der Schuluniform an, woher sollen die überhäufigen alleinerzeihenden Mütter das Geld nehmen. Und in vielen Schulen sind auch die Lehrer alles andere als ausgebildet, lehren oft direkt nach ihrem Schulabschluss, einige reden kein gutes Englisch und wie ich in einem Gespräch zwischen meiner tanzanischen Mitpraktikantin und einem kenianischen (besser ausgebildeten) Lehrer erfahren durfte, ist das kenianische Souaheli ebenfalls ziemlich verkorkst und unsauber. Sie meinte, wenn sie sich hier auf Souaheli unterhalten wolle, könne sie die Kenianer nicht verstehen. Des weiteren gibt´s hier auch viel zu wenig Angebote, an denen sich die Kinder ausprobieren und Talente feststellen oder entwickeln können. Ganz zu schweigen davon, sich und ihre Wünsche zu verwirklichen… Aber die Kinder lernen gerne, wenn sie die Gelegenheit haben.
Heimat- und Sachunterricht von den hiesigen Lehrern



Nach einer gewissen Zeit passt man sich halt auch wirklich an. Wenn ich so zur Arbeit laufe, dann musste ich schon öfter feststellen, dass meine Schrittgeschwindigkeit drastisch gefallen ist und der der Kenianer gleicht. Es geht das meiste hier gemach zu, außer es fängt an zu regnen, das ist dann einer der seltenen Momente, wo Kenianer Laufbeine unterm Arsch haben und rennen.
Der Blick aus unserem Büro



Und so in der Regenzeit, mords die Sauerei

 Und Knigge würde hier auch den Vollausraster kriegen: Wenn man unten an einer Treppe steht und rauf will und es kommt gleichzeitig jemand runter, dann wartet man hier nicht, egal wie eng die Stufen auch sein mögen und absolut völlig egal, wieviel Zeit einem zur Verfügung steht. Das Gleiche auf der Straße und den Märkten. Obwohl hier absolut niemand in Eile zu sein scheint, presst man sich trotzdem durch. Am Anfang war das ein bisschen fremd für mich, aber auch da verhalte ich mich seit längerem einwohnerisch, frei nach dem Motto „Frechheit siegt“.
Kenianer reden bedächtig, vor allem die Frauen reden oft so leise und werden während des Satzes noch leiser und wenn sie dann noch so einen Afro-englischen Slang haben und beispielsweise bei „are you hurt?“ das hurt mit einem a aussprechen, versteht man manchmal gar nix mehr, „ne, ich bin nicht Herz!?!“
Vielleicht bin ich in diesem Beitrag ein bisschen zu defizitorientiert, aber eins muss ich noch loswerden. Am meisten ärgert mich halt hier die Unnachhaltigkeit. Die benutzen einfach Plastiktüten für alles und immer, wenn man im Supermarkt eine Flasche Wasser kauft, gibt´s die Tüte obendrauf. Und wenn man sagt, man brauche keine, dann glauben sich die Einpacker erstmal verhört zu haben  und dann scheinen sie mir manchmal sogar ein bisschen enttäuscht, das ist echt verrückt! Die ganzen Tüten werden selbstverständlich nicht recyclet, tragen aber dafür primär zum Stadtbild bei…
Eloquente Müllbeseitigungsanlage


Jetzt hört es hier zu meinem großen Bedauern auf mit der Mango-Zeit. Man findet nur noch ganz große und unreife, und jedes Mal wenn ich frohen Mutes eine weitere probiere, muss ich zunehmend feststellen, dass sie nun eher eine Konsistenz wie Möhren haben und neutral bis bitter schmecken. Ade du schöne, süße Mangozeit…

Und das ist mein Chapati-Man, ist eigentlich wie Pfannkuchen, simpel und beliebt, und die Chapati auch J Ansonsten gibt´s hier Ugali (Wasser-Maismehl-Mischung) und Porrage, ein Hirsebrei, den die meisten der anderen deutschen Praktikanten in den bösesten Tönen verpöhnen, aber ich mag das.

Hier ist es immer Tag so zwischen 6 Uhr morgens und 7 Uhr abends, ab und zu gibt´s Stromausfall.

Am Wochenende waren wir im Giraffen Center, einem Park mit sehr harmonisch angenehmer Atmosphäre wo man Giraffen, wie hier auch mit dem Mund, füttern und streicheln darf.

In Nairobi-City, wo ich ab und zu mal nur hinkomme und wo am Sonntag mein Handy verloren ging bzw. gestohlen wurde. Mein Hauptziel, nix zu verlieren während dem Aufenthalt hab ich also verömmelt.


Und so sieht´s in meiner Hood aus, nahe meiner Herberge

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